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Die Zeit fließt immer schneller …

… so scheint es zumindest. Ich denke, ich bin nicht die Einzige, die das so empfindet. Und in diesem Satz findet sich auch schon das wichtige Wort, dessen Bedeutung man sich nur bewusst machen muss: Empfinden. Zeitknappheit ist ein empfundenes Phänomen. Natürlich gibt es Momente, wo uns die Zeit tatsächlich nicht reicht, doch meistens ist der StreFeatured imagess hausgemacht.

Im Berufsleben gebe ich den großen Chefs, gleich welcher Branche, die Schuld. Alles dreht sich nur noch um Effizienz, Gewinnsteigerung und irgendwelche Ziele, immer nach dem Motto „Schneller, höher, weiter“. Dazu werden dann teure Projekte gestartet, die alles effizienter machen sollen. Oder es werden Prozesse, die erst vor wenigen Jahren aufwändig beschrieben werden mussten, von einer vertikalen in eine horizontale Darstellung gepresst, von produktorientiert erfassten Abläufen zu produktübergreifenden Beschreibungen. Ich möchte nicht tiefer in diese Materie einsteigen, aber es grenzt doch schon an Schizophrenie, wenn man sich überlegt, dass die erledigte Arbeit eigentlich die gleiche wie vorher ist, man sich aber zusätzlich mit viel, viel mehr Bürokratie herumschlagen muss. Prozesskennzahlen müssen erfasst werden (natürlich erst, nachdem vorher stundenlang diskutiert wurde, welche Art der Berechnung am sinnvollsten sei), Formulare zur Qualitätssicherung werden entwickelt und danach auch schön brav ausgefüllt und so weiter und so fort. Die eigentliche Arbeit bekommt immer weniger Zeit zugestanden. Aber vielleicht reicht mein Verständnis einfach nicht dazu, den großen End-Nutzen des Ganzen zu erkennen. Das können wohl nur Menschen, die die Führungsebene erreicht haben.

Trotzdem meine ich: In vielen Bereichen sollte man die Menschen doch einfach ihren Job machen lassen, denn irgendwann ist der Punkt erreicht, wo man die Effizienz nicht mehr erhöhen kann. Doch daran glauben die Geschäftsführer und Vorgesetzen leider nicht. Müssen sie ja auch nicht, denn wenn ihre Zahlen dann durch zu viele teure „Verbesserungsmaßnahmen“ nicht mehr so rosig ausfallen wie erwartet, dann ändern sie einfach die Berechnung der Kennzahl und erhalten unterm Strich ein positives Ergebnis, das ihren Job auch weiterhin bestätigt.

Im Privatleben hingegen, bin ich der Meinung, ist jeder selbst für seine Zeitnot verantwortlich. Wir müssen nicht ständig und überall erreichbar sein. Wir müssen nicht immer als Erster das Neueste mitbekommen. Und wir müssen auch nicht bei allem mitmachen, das gerade angesagt ist.

Der größte moderne Zeitfresser ist meiner Meinung nach das Internet. Wir müssen uns davon lösen, dümmliche Klickspiele zu machen, bei denen man alle Nase lang etwas upgraden oder ernten muss. Wir müssen auch nicht jedem Link folgen, so interessant er auch klingt. Ich bin selber schon zu oft in diese „Linkfalle“ getappt bin, zumal meine Interessen so breit gefächert sind. Da wollte ich eigentlich nur mal eben die Nachrichten lesen und wanderte dann von einer interessanten Seite zur nächsten. Es verhält sich hier genau so, wie es bei der Werbung erstrebt wird. Ich sehe etwas und schon werden Wünsche geweckt. Beim Fernsehen habe ich mich von den ständigen Werbeunterbrechungen völlig distanziert, meist wechsele ich den Sender – man kann auch sehr gut zwischendurch das Bad putzen, den Müll rausbringen oder die Wäsche aus der Maschine holen – oder schalte den Fernseher gleich ganz aus. Aber bei Internet-Links geht es ja um die eigenen Interessen, da wird es schwieriger, die Bremse zu ziehen.

Ich bin inzwischen dazu übergegangen, mir Lesezeichen-Listen im Browser anzulegen, in denen ich alles speichere, was ich mal lesen oder mir ansehen möchte. Natürlich wird eine Menge davon mit der Zeit uninteressant, und wenn ich meine Listen ausdünne, lösche ich Vieles, ohne es mir noch einmal anzusehen, weil ich inzwischen ganz vergessen habe, worum es da ging oder warum ich das einmal unbedingt lesen wollte. Tja, man muss sich wohl selbst überlisten.

Schlimm empfinde ich auch die Flut an Ideen, die ich im Internet bekomme. Für einen kreativen Menschen ist das eigentlich die Hölle … 😉 Aber auch hier habe ich eine Lösung gefunden: Pinwände, gefüllt mit allem, was ich eines Tages mal umsetzen möchte. Bei all dem Sammeln muss ich mich allerdings auch wieder zusammenreißen, denn vom online recherchieren ist noch lange nichts Reales entstanden.

Um mehr Zeit zu gewinnen, habe ich versuchsweise meine Tage genau strukturiert und aufgeteilt. Aber das Resultat war nicht sehr befriedigend. Inzwischen bin ich dazu übergegangen, aus den Bereichen, die mich gerade begeistern, jeweils ein Projekt zu wählen und daran dann nach Lust und Laune zu arbeiten. Ich muss sagen, das läuft ganz gut. Ich bin zufriedener und schaffe auch Einiges (auch wenn ich gerne noch mehr in der zur Verfügung stehenden Zeit kreieren möchte). Seit ich mehr auf meine aktuellen Bedürfnisse höre, kommt mir die vergangene Zeit auch nicht mehr ganz so rasant vor. Genau so soll es doch sein, oder? Ich möchte das, was ich tue, genießen und eines Tages zufrieden zurückblicken können. Ich glaube, nach dem Stress und dem Gefühl der mir durch die Finger rinnenden Zeit in den vergangenen Jahren, bin ich jetzt auf dem richtigen Weg. Ich versuche immer mehr im Augenblick zu leben, ihn bewusst wahrzunehmen und zu genießen. Selbst bei ungeliebten Alltagspflichten gehe ich gezielt mit positiven Gedanken an die Arbeit. Das Ziel oder das Resultat zu visualisieren hilft mir dabei immer sehr. Aber ich muss mich auch immer wieder daran erinnern, denn, aus der modernen Tretmühle auszubrechen, ist gar nicht so leicht. Und zerstören kann man sie ja meistens nicht, wenn das Geld verdient werden muss und die Familie versorgt sein will. Aber wie heißt es so schön? Der Weg ist das Ziel.

Ich habe mal ein wenig über das Phänomen der knappen Zeit recherchiert und bin dabei auf folgende interessanten Definitionen gestoßen (die physikalische Seite lasse ich bei dieser Auswahl außen vor):

Gottfried Wilhelm Leibniz definierte Zeit so: „Die Zeit ist die Ordnung des nicht zugleich Existierenden. Sie ist somit die allgemeine Ordnung der Veränderungen.“

Die Zeit beschreibt das Fortschreiten der Gegenwart von der Vergangenheit kommend zur Zukunft hinführend.

Da drängt sich die Frage auf, was ist für uns denn dann die Zeit. Wir leben in der Gegenwart, demnach erfassen wir die Zeit entweder mit dem Blick auf die Vergangenheit oder dem Blick in die Zukunft, auf das, was wir wann planen. Wenn wir in der Vergangenheit viel erledigt oder erlebt haben, das uns gefällt, kommt uns die Zeit kurz vor und ist viel zu schnell vergangen. Mussten wir jedoch Dinge tun, die uns nicht befriedigen, erscheint uns die vergangene Zeit als endlos lang. Wenn wir in der Zukunft unzählige Termine haben, geraten wir innerlich schnell in Stress. Und ich glaube, selbst bei Terminen, die uns gefallen, wird uns ein Dauerzustand der Dichte unbewusst irgendwann zu viel. Wir müssen also Regenerationsphasen einbauen, allerdings nicht gleich wieder Termine in einem Wellnesscenter oder bei der Kosmetikerin (auch wenn das zweifelsohne dem Körper und der Seele guttun kann), sondern vielmehr freie Zeiten, die man spontan mit dem füllt, was einem dann in den Sinn kommt. Natürlich sieht das bei jedem Menschen anders aus, jeder muss sich selbst erkennen und wissen, wo bei ihm welchen Grenzen zu finden sind.

Die Zeitwahrnehmung ist also bei jedem unterschiedlich und für viele ist die Zeit zu wertvoll, um vergeudet zu werden. Viele erliegen leider dem Trugschluss, Zeit mit Nichtstun zu verschwenden würde ihnen nichts bringen. Ich denke in solchen Fällen ist der heute so gern „Burnout“ genannte Erschöpfungszustand geradezu vorprogrammiert. Und wenn dann gar nichts mehr geht, kommt die große Frage: War es das wert? Oder hätte ich nicht mehr Zeit gehabt, wenn ich langsamer gemacht hätte? Mir Verschnaufpausen erlaubt hätte? Zeiten zum Abschalten und Kräftetanken?

Hier noch ein paar Zahlen zum Thema Zeit, die beim Disziplinieren im Bereich der Zeitverschwendung helfen oder auch die Arbeitsverteilung zwischen Mann und Frau überdenken lassen könnten:

3,16 Jahre lang steht jede Frau in der Küche (pro Tag 65 Minuten) – jeder Mann nur 1,45 Jahre (pro Tag 28 Minuten).

380 Tage lang widmen sich Männer ihren Hobbys (20 Minuten am Tag), Frauen 152 Tage (8 Minuten am Tag).

8 Monate vergeuden wir, um unerwünschte E-Mails in den Papierkorb zu schmeißen.

31 Jahre verbringen wir mit Medienkonsum – fast 10 Stunden täglich. Davon entfallen 1,45 Jahre (28 Minuten täglich) auf das Zeitunglesen und fast ebenso viel auf die Buchlektüre. Jeweils mehr als 10 Jahre (3,75 Stunden täglich) sehen wir fern und hören Radio. 2,2 Jahre (44 Minuten täglich) surfen wir im Internet. Der Rest geht mit Musikhören per CD, LP, MC oder MP3  (45 Minuten täglich) und mit Video/DVD-Schauen (5 Minuten) drauf.

Zum Schluss möchte ich noch einige philosophische Zeilen über das Fließen der Zeit erwähnen, die zum Nachdenken oder Nachlesen inspirieren könnten:

… die Aussage, dass die Zeit fließe, ist nur dann sinnvoll, wenn eine davon unterscheidbare Alternative denkbar ist. Die nahestehende Alternative der Vorstellung einer stehenden Zeit führt jedoch zu einem Widerspruch, da sie nur aus der Sicht eines Beobachters denkbar ist, für den die Zeit weiterhin verstreicht, sodass der angenommene Stillstand überhaupt wahrnehmbar ist.

Das scheinbare Fließen der Zeit ist nur ein Phänomen, eine Illusion, die in unserem Bewusstsein entsteht.

Beim Zeitverständnis gibt es große kulturelle Unterschiede, was auch erklärt, warum wir in den westlichen Industriestaaten überhaupt unter Zeitnot leiden.

Als westliches Kulturprodukt gilt die geradlinig-kontinuierliche (Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft) Zeitauffassung.

Es gibt aber noch die zyklische Zeit (der Vorsokratiker und der Naturethnien), die von der Annahme der ewigen Wiederkehr des Gleichen ausgehen.

Dann die eschatologische, die einen Anfang hat und auf ein Endziel gerichtet ist.

Weiterhin spricht man von der dilatierenden Zeit, die sich in jedem Augenblick aufspreizt und die Zeitvorstellung der Quantentheorie zu erklären vermag (Mehrweltentheorie).

Quellen:

http://wikipedia.de
http://www.pm-magazin.de/a/zahlen-die-das-leben-bedeuten

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